Kategorie: Leonie

Blogbeiträge von Leonie

  • Karnevalszeit

    Dass Mitte Februar so langsam die Karnevalszeit begann, merkten Chantal und ich vor allem daran, dass unser täglicher Fußweg zu den Schwestern durch schaumspritzende Kinder zum Abenteuer wurde. Hier war es lange eine Tradition an Karneval mit Wasser auf der Straße zu spielen, doch da dies auf Grund von Wasserknappheit vor einigen Jahren verboten wurde, ersetzt nun Sprühschaum das Wasser.
    Am 21.2. fand dann in der Schule ein Fest statt, welches sich „Compadres“ (ein Fest vor allem für Männer) nennt, und bei dem nachmittags mit ordentlich viel Fleisch gegrillt wurde. Um das viele, leckere Essen (Maiskolben, Hühnchen-, Rind- und Schweinefleisch, Süßkartoffeln, Bohnen, Kartoffeln, Salat mit Karotte, Zwiebeln und Tomate) zu verdauen wurde mit sehr viel Leidenschaft das Tanzbein geschwungen. Im Anschluss gab es dann noch eine sehr eindrucksvolle Opferzeremonie für die Mutter Erde. Dabei wurde fleißig Alkohol auf den Boden geschüttet und eine Schale voller kleiner Symbole, die für gute Wünsche für die Zukunft der Schule standen, angezündet. Danach löste sich die Gesellschafft nach und nach auf, nur ein paar Lehrer ließen den Abend noch mit Gesang, Gitarrenspiel und „Singani“, einem typischen Schnaps hier, ausklingen.
    Eine Woche später, am 28.2. fand dann das Fest für die Frauen „Comadres“ statt. Dazu kamen sowohl die Mädchen, als auch die Lehrerinnen verkleidet in den Kindergarten. Zuerst schmückten wir den Raum mit Luftschlangen und Luftballons und dann gingen wir auf den Pausenhof um zu tanzen und sämtliche Flaschen Sprühschaum zu leeren. Zum Abschluss des Vormittags wurde im Klassenzimmer wieder köstlich und reichlich gegessen.
    Am Tag darauf gab es dann einen großen Umzug in Potosí, bei dem sämtliche Schulen mitmachten und bei dem es 5000 Bolivianos für den schönsten Auftritt in einen Wettbewerb zu gewinnen gab. Unsere Schule „Copacabana“ ging als „Olvidados“ verkleidet mit Latzhose, Karohemd, auffallender Arbeitermütze und Musikinstrumenten auf die Straße. Dafür hatte ich mir die Tage vorher einen improvisierten Latz für meine Jeanshose genäht. Beim Umzug bekam ich sogar die Möglichkeit mit einer Gruppe von Lehrern für die musikalische Begleitung des Umzugs zu sorgen und Gitarre zu spielen. Die Sonne war schon am frühen Morgen sehr stark und als wir in Menschenmassen auf den Beginn des Umzuges warteten, wäre fast eine Massenpanik mit heftigem Geschubse ausgebrochen. Mein Gitarrenspiel war dann auch teilweise recht spontan, weil alle Lieder für mich neu waren und nach einer halben Stunde merkte ich meine Fingerkuppen. Auch einen kleinen Sonnenbrand holte ich mir an diesem Tag, da ich meine langen Ärmel 5 cm nach oben geschoben hatte… Trotzdem hatten wir insgesamt sehr viel Spaß und am Ende hieß es, dass unsere Schule nicht wegen der Schülerinnen, sondern wegen der Musikgruppe der Lehrer den Wettbewerb gewonnen hatte. 😊
    Am 2.-5. März hatten wir ein verlängertes Wochenende und ich ging zum größten Karnevalsumzug Boliviens nach Oruro. Schon im Voraus hatte ich viel von diesem Fest gehört, wobei die Meinungen stark auseinander gingen. Die einen halten den Karneval in Oruro für total gefährlich, mit viel zu viel Alkohol und Dieben. Außerdem sind alle Hotels in Oruro für höllische Preise schon einige Zeit vorher ausgebucht. Die anderen sagen, dass die „Entrada“ (Umzug) wirklich wunderschön und einmalig ist und es keinen besseren Ort in Bolivien gibt um Karneval zu feiern. Ich hatte das Glück, dass eine Schulfreundin von mir, die liebe Alma, die auch als Freiwillige in Bolivien ist, einen Bekannten in Oruro hat, bei dem wir kostenlos übernachten konnten. Somit mussten wir nur für die Tribünenplätze einiges an Geld liegenlassen. Zwar waren die inklusiven Mahlzeiten und das private Klo eher mittelmäßig bis bescheiden, dafür war die Stimmung unserer Tribüne wirklich unglaublich. Allgemein würde ich den Karneval in Oruro auch als inoffizieller Treffpunkt von deutschen Freiwilligen in Bolivien bezeichnen. Es war wirklich ein unglaubliches Erlebnis so viele bekannte Gesichter in einer wildfremden Stadt zu sehen und auch sooo schnell eine tolle und lustige Feierbeziehung zu zunächst unbekannten Jugendlichen und Landsleuten aufzubauen. Zwischen den riesigen Tanzgruppen mit ihren herrlichen in-der-Sonne-glitzernden Kostümen und den lauten Musikgruppen, die echt Lust zum Mittanzen machten, gab es immer wieder Schaumschlachten. Am Straßenrand tummelten sich Snack-, Schaumverkäufer und feiernde Jugendliche, die tanzten und Selfies mit den kostümierten Tänzern schossen. Ab 19 Uhr, als es dann so langsam dunkel wurde, gab es auch die Erlaubnis Alkohol auszuschenken. Das gab der Stimmung natürlich nochmal einen gewissen Kick und auch die Kostüme fanden in integrierten Lichtern und Feuerwerkskörpern nochmal eine Steigerung.
    Der erste der zwei Umzugstage war der formellere, da der Umzug, quasi als Prozession, zu Ehren der Beschützerin Oruros, der „Virgen del Socavón“ stattfand. Der 15 km lange Weg endete auch in der Hauptkirche Oruros, in welcher sich die Tänzer nach getaner Arbeit müde und hungrig nochmal vor der Heiligen auf den Boden knien. Der Karneval in Oruro hat allgemein sehr interessante religiöse, geschichtliche und mythologische Hintergründe. Ein Tanz, die „Diablada“ stellt beispielsweise den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Engeln und Teufeln dar. Auch einige schwarze Sklavengruppen, entwürdigt von den spanischen Kolonialherren, befinden sich unter den Tänzern. Und natürlich dürfen in Bolivien (mit dessen ausgeprägter Inkakultur) auch keine indianischen Tanzgruppen fehlen. Am zweiten Tag tanzten alle Gruppen erneut und es wurde nochmal ausgelassener gefeiert, früher Alkohol verkauft und manch schwere Masken abgenommen.
    Alles in allem habe ich in diesen zwei Tagen wirklich unheimlich viel gesehen und erlebt. Wegen des vielen Schaums entwickelte mein Gesicht eine Allergie, mit der ich auch noch 2 Wochen später zu kämpfen hatte. Um auch wirklich alle Klischees des Karnevals in Oruro zu erfüllen, kann ich sogar noch erwähnen, dass mir auf der Tribüne irgendwie eine Tasche mit meiner Sonnenbrille und einem Pulli entwendet wurde. Aber ich bin wirklich sehr glücklich darüber die Entscheidung gefällt zu haben dorthin gegangen zu sein.
    Denn domit hob i die gstandene Fasnet mol auf ganz andre Weise kenneglernt.

  • Weihnachtszeit

    Ein anderes sehr spannendes Thema war die Vorweihnachtszeit hier. Weil wir von der Vorweihnachtsstimmung anfangs nicht so viel gespürt haben, denn es gibt hier weder Adventskalender für die Kinder noch einen typischen Adventskranz, beschlossen meine Mitfreiwillige und ich unsere Küche mit einer Lichterkette und einem -schnief- Plastikbaum zu verzieren. Irgendwann habe ich dann doch noch herausgefunden, dass es in unserer Kirche eine „Adventskrone“ mit 5 Kerzen gab, wobei die fünfte Kerze für Heiligabend ist. Schließlich wurde auch die „Plaza“, der Hauptplatz von Potosí, natürlich dem Beispiel unserer Küche folgend 😉 ganz bunt mit Lichtern geschmückt. Außerdem wurden jeden Abend heiße Schokolade und „Buñuelos“, ein spezielles, frittiertes Gebäck, typisch für die Weihnachtszeit, verkauft. Wenigstens ein kleiner Ersatz für die deutschen Weihnachtsmärkte mit Glühwein und Co. Die Feste St. Martin und Hl. Nikolaus werden hier leider nicht gefeiert. Die aufregendste Feier der Vorweihnachtszeit war für mich persönlich der „Día del niño Jésus“ (Tag des Kindes Jesus). Wir hatten wieder einmal das Glück im Kindergarten, in der Primaria und in der Secundaria zu feiern. Hier gibt es für die Weihnachtszeit einen ganz speziellen Tanz, bei dem immer zu zweit in einer langen Reihe auf eine aufwändig geschmückte Grippe mit dem Jesuskindlein zu getanzt wird. Zu trinken gab es „wie immer“ heiße Schokolade und zu essen Buñuelos. Als wir dann abends noch mit den Lehrern feierten, gab es zusätzlich auch noch Schnaps, eine leckere Suppe mit Schweine- und Hühnerfleisch, Mais, Kartoffeln und Gemüse und Wolldecken sehr aufwändig als Geschenke verpackt. Es war ein unvergesslicher Abend!

    Am 7. Dezember begannen dann die Weihnachtsferien. Allerdings hatten wir noch nicht komplett frei, da wir bei einer Versammlung der Lehrer, die auch für die Kollegschafft sehr zäh war, beiwohnen sollten. An einem anderen morgen bereiteten wir Geschenktaschen vor, die die Lehrer dann am Nachmittag abholen kamen. Ich staunte über die Mengen, die die Lehrer geschenkt bekamen. Jede Tasche wurde mit Keksen, Schokokuchen, Aprikosendosen, gesüßter und ungesüßter Kondensmilch, Sekt, Bonbons, Karamellbonbons, Trinkschokolade, einer Art Schokopralinen, Kakaopulver, Kaffeepulver und einem Bettbezug befüllt. Insgesamt befand sich in jeder Tasche ein Wert von knapp 300 Bolivianos.

    An Weihnachten besuchten wir dann abends den Gottesdienst, in dem das Krippenspiel aufgeführt, gesungen und wieder getanzt wurde. Fast jede Familie brachte ihre Krippenfiguren mit, um sie am Ende segnen zu lassen. Interessant fand ich, dass hier wie in Deutschland zum Abschluss „Stille Nacht“ bzw. „Noche de Paz“ gesungen wurde. Nach der Messe gingen wir mit den Schwestern mit und aßen wieder Buñuelos und tranken heiße Schokolade. Weil es hier so Tradition ist bis Mitternacht zu warten, füllten Chantal & ich die Zwischenzeit mit Gesang und Geigenspiel. Als Mitternacht dann gekommen war, stießen wir an und überreichten den Schwestern unsere Geschenke. Da diese sich dann jedoch ziemlich schnell in ihre Zimmer zurückziehen wollten, gingen wir in unsere Küche und tauschten dann unter unserem Plastikbaum im Lichterglanz noch Geschenke aus.
    Der Vormittag vom 25. verbrachten wir damit, den Schwestern beim Kochen zu helfen. Fast zu jedem Fest gibt es hier ein spezielles Gericht. Danach gingen wir wieder in die Messe, welche auch heute wieder von Musik und Tanz bereichert wurde. Nach dem Festmahl mit den Schwestern ließen wir Weihnachten ohne weitere Festivitäten gemütlich ausklingen, denn einen 2. Weihnachtsfeiertag gibt es hier gar nicht.

    Die restlichen Ferien nutzte ich ausgiebig, um zu reisen, damit ich auch noch andere Teile Boliviens kennenlernen konnte. Außerdem kam auch der ein oder andere nach Potosí zu Besuch, worüber ich mich sehr freute.