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  • Abenteuer Europawahlen 2019

    Was macht eine Jugendliche, die das erste Mal an wirklich wichtigen Europawahlen teilnehmen darf, aber ganz weit weg auf einem anderen Kontinent in Bolivien hockt? Für ihr Wahlrecht kämpfen natürlich!
    Und das tat ich dann tatsächlich, denn diese Wahlen wurden sprichwörtlich zu einem echten „Wahlabenteuer“.
    Die allerersten Informationen über die diesjährigen Europawahlen bekam ich im Januar in meinem Zwischenseminar mit anderen deutschen Freiwilligen. Dort machten wir uns zusammen Gedanken wie die Hürde durch den weiten und teilweise unzuverlässigen Postweg zwischen Deutschland und Bolivien zu überwinden wäre. Damals meinte dann ein Freiwilliger, der in El Alto arbeitet, dass seine Eltern genau zu diesem Zeitpunkt ihn besuchen kämen und diese uns allen die Briefwahlunterlagen mitnehmen könnten. Das waren natürlich tolle Nachrichten! Doch wie es im Leben manchmal so läuft, musste ich dann gut 3 Monate später erfahren, dass die besagten Postboten nun doch schon zu früh nach Bolivien kommen würden und die Unterlagen nicht mitnehmen konnten. Also musste ich einen anderen Weg finden. Zum Glück bekam ich als Weltwärts-Freiwillige ganz automatisch eine Email, in der beschrieben wurde, dass eine Briefwahl mithilfe des Kurierweges möglich sei. Dafür mussten meine Dokumente dann von Leupolz nach Berlin, von Berlin nach La Paz und von La Paz nach Sucre geschickt werden. In Sucre würde ich die Unterlagen dann im Honorarkonsul abholen können. Für meinen Geschmack klang das nicht gerade einfach, aber Potosí liegt halt auch nicht beim Kämmerle um die Ecke… Jedenfalls nahm ich mit der Stadtverwaltung in Wangen Kontakt auf. Dort erfuhr ich, dass das ganze Prozedere ja noch viel zu einfach wäre und ich zuerst einen Briefwahlantrag mit dem Recht überhaupt wählen zu dürfen, beantragen musste. Dafür bekam ich ein Dokument zugeschickt, welches dann auch im Original nach Leupolz kommen müsse. Zu meinem Glück besuchte mich genau in diesen Tagen eine sehr gute Freundin aus Kisslegg, der ich dieses Dokument mitgeben konnte. Allerdings kam mir beim Ausfüllen des Dokuments etwas Spanisch vor, dass ich anzugeben hatte, wann ich mich bezüglich meines Wohnortes umgemeldet hatte und wo ich nun neu registriert war. „Eigentlich müsste ich ja noch in Leupolz gemeldet sein, denn ich habe ja schon vor wieder zurück zu kehren!“, dachte ich mir und fragte auch nochmal nach. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass ich ein anderes Dokument ausfüllen musste, welches auch nicht zwangsläufig im Original vorliegen musste. Was für ein Glück! Schließlich war der Antrag gestellt und jetzt musste nur noch die korrekte Empfängeradresse gefunden werden, weil ich ja den Kurierweg benutzen wollte. Als klar wurde, dass eine Adresse in Berlin mit dem Hinweis „für La Paz“ ausreichte, nahm ich über Emailkontakt zu den Ämtern in Berlin, La Paz und Sucre auf. Doch gerade bei der letzten Station im Honorarkonsul in Sucre war die Emailadresse, die ich im Internet gefunden hatte, ungültig und telefonisch wurde mir dann gesagt, dass sie gar nichts mit den Europawahlunterlagen zu tun hätten. Das frustete mich sehr. Zwar hatte ich in der Zwischenzeit die Nachricht bekommen, dass von Wangen aus alles abgeschickt worden war, doch das half mir momentan reichlich wenig, wenn ich nicht wusste, wo ich die Dokumente dann abholen könnte. Es vergingen einige Tage, in denen ich schon fast den Glauben verlor, dass ich würde wählen können. Das änderte sich schlagartig, als ich eine Email bekam, dass am nächsten Tag meine Dokumente in der deutsch-bolivianischen Sprachschule ICBA in Sucre vorliegen würden. Nach einem großen Freudensprung ging ich zu der Oberschwester und bat morgen verreisen zu dürfen. Die Antwort: „Kein Problem, Wahlen sind schließlich sehr wichtig!“ Am nächsten Morgen ging ich also nicht zur Arbeit, sondern fuhr mit einem Taxi nach Sucre. Diesen ganzen Bürokratischen Aufwand hatte ich ja schon die ganze Zeit zu spüren gekriegt, doch als 5 verschiedene, bunte Briefumschläge mit den farblich passenden Wahlzetteln vor mir lagen, wurde das sogar noch verbildlicht. Ich erfuhr, dass schon zwei andere deutsche Freiwillige gekommen waren, um zu wählen und die Direktorin gerade dabei war einen Umschlag für die Botschaft in La Paz vorzubereiten, damit alles auch wieder rechtzeitig zurückkam. Als ich meine Wahl getroffen hatte, war auch sie fertig und machte sich gleich auf den Weg zur Post. Perfektes Timing würde ich mal sagen! Ob meine Unterlagen letztendlich pünktlich in Deutschland angekommen waren, werde ich wohl nie erfahren, aber für mein Gewissen steht auf jeden Fall fest, dass ich tatsächlich alles daran gesetzt habe an der diesjährigen Europawahl teilzunehmen und ich habe die bunten Briefchen ja auch ausgefüllt. Auf jeden Fall freue ich mich schon darauf, wenn ich bei der nächsten Wahl nur die paar Schritte zum leupolzer Rathaus gehen muss!

  • Musikausflug Stein am Kocher

    Musikausflug Stein am Kocher

    Vergangenes Wochenende durften wir unsere Musikfreunde in Stein am Kocher besuchen. Stein am Kocher liegt 20km nördlich von Heilbronn und hat etwa 2.500 Einwohner. Das jährliche Musikfest wird jeden Mai vom Musikverein Stein veranstaltet. Im Jahr 2019 feiert der Verein 100-jähriges Jubiläum, daneben ist der Teilort Stein am Kocher genau 800 Jahre alt. Eine Weitere Besonderheit:
    Es ist der erste Auftritt mit unserem neuen Dirigenten Ralf Eberhard.

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  • Karnevalszeit

    Dass Mitte Februar so langsam die Karnevalszeit begann, merkten Chantal und ich vor allem daran, dass unser täglicher Fußweg zu den Schwestern durch schaumspritzende Kinder zum Abenteuer wurde. Hier war es lange eine Tradition an Karneval mit Wasser auf der Straße zu spielen, doch da dies auf Grund von Wasserknappheit vor einigen Jahren verboten wurde, ersetzt nun Sprühschaum das Wasser.
    Am 21.2. fand dann in der Schule ein Fest statt, welches sich „Compadres“ (ein Fest vor allem für Männer) nennt, und bei dem nachmittags mit ordentlich viel Fleisch gegrillt wurde. Um das viele, leckere Essen (Maiskolben, Hühnchen-, Rind- und Schweinefleisch, Süßkartoffeln, Bohnen, Kartoffeln, Salat mit Karotte, Zwiebeln und Tomate) zu verdauen wurde mit sehr viel Leidenschaft das Tanzbein geschwungen. Im Anschluss gab es dann noch eine sehr eindrucksvolle Opferzeremonie für die Mutter Erde. Dabei wurde fleißig Alkohol auf den Boden geschüttet und eine Schale voller kleiner Symbole, die für gute Wünsche für die Zukunft der Schule standen, angezündet. Danach löste sich die Gesellschafft nach und nach auf, nur ein paar Lehrer ließen den Abend noch mit Gesang, Gitarrenspiel und „Singani“, einem typischen Schnaps hier, ausklingen.
    Eine Woche später, am 28.2. fand dann das Fest für die Frauen „Comadres“ statt. Dazu kamen sowohl die Mädchen, als auch die Lehrerinnen verkleidet in den Kindergarten. Zuerst schmückten wir den Raum mit Luftschlangen und Luftballons und dann gingen wir auf den Pausenhof um zu tanzen und sämtliche Flaschen Sprühschaum zu leeren. Zum Abschluss des Vormittags wurde im Klassenzimmer wieder köstlich und reichlich gegessen.
    Am Tag darauf gab es dann einen großen Umzug in Potosí, bei dem sämtliche Schulen mitmachten und bei dem es 5000 Bolivianos für den schönsten Auftritt in einen Wettbewerb zu gewinnen gab. Unsere Schule „Copacabana“ ging als „Olvidados“ verkleidet mit Latzhose, Karohemd, auffallender Arbeitermütze und Musikinstrumenten auf die Straße. Dafür hatte ich mir die Tage vorher einen improvisierten Latz für meine Jeanshose genäht. Beim Umzug bekam ich sogar die Möglichkeit mit einer Gruppe von Lehrern für die musikalische Begleitung des Umzugs zu sorgen und Gitarre zu spielen. Die Sonne war schon am frühen Morgen sehr stark und als wir in Menschenmassen auf den Beginn des Umzuges warteten, wäre fast eine Massenpanik mit heftigem Geschubse ausgebrochen. Mein Gitarrenspiel war dann auch teilweise recht spontan, weil alle Lieder für mich neu waren und nach einer halben Stunde merkte ich meine Fingerkuppen. Auch einen kleinen Sonnenbrand holte ich mir an diesem Tag, da ich meine langen Ärmel 5 cm nach oben geschoben hatte… Trotzdem hatten wir insgesamt sehr viel Spaß und am Ende hieß es, dass unsere Schule nicht wegen der Schülerinnen, sondern wegen der Musikgruppe der Lehrer den Wettbewerb gewonnen hatte. 😊
    Am 2.-5. März hatten wir ein verlängertes Wochenende und ich ging zum größten Karnevalsumzug Boliviens nach Oruro. Schon im Voraus hatte ich viel von diesem Fest gehört, wobei die Meinungen stark auseinander gingen. Die einen halten den Karneval in Oruro für total gefährlich, mit viel zu viel Alkohol und Dieben. Außerdem sind alle Hotels in Oruro für höllische Preise schon einige Zeit vorher ausgebucht. Die anderen sagen, dass die „Entrada“ (Umzug) wirklich wunderschön und einmalig ist und es keinen besseren Ort in Bolivien gibt um Karneval zu feiern. Ich hatte das Glück, dass eine Schulfreundin von mir, die liebe Alma, die auch als Freiwillige in Bolivien ist, einen Bekannten in Oruro hat, bei dem wir kostenlos übernachten konnten. Somit mussten wir nur für die Tribünenplätze einiges an Geld liegenlassen. Zwar waren die inklusiven Mahlzeiten und das private Klo eher mittelmäßig bis bescheiden, dafür war die Stimmung unserer Tribüne wirklich unglaublich. Allgemein würde ich den Karneval in Oruro auch als inoffizieller Treffpunkt von deutschen Freiwilligen in Bolivien bezeichnen. Es war wirklich ein unglaubliches Erlebnis so viele bekannte Gesichter in einer wildfremden Stadt zu sehen und auch sooo schnell eine tolle und lustige Feierbeziehung zu zunächst unbekannten Jugendlichen und Landsleuten aufzubauen. Zwischen den riesigen Tanzgruppen mit ihren herrlichen in-der-Sonne-glitzernden Kostümen und den lauten Musikgruppen, die echt Lust zum Mittanzen machten, gab es immer wieder Schaumschlachten. Am Straßenrand tummelten sich Snack-, Schaumverkäufer und feiernde Jugendliche, die tanzten und Selfies mit den kostümierten Tänzern schossen. Ab 19 Uhr, als es dann so langsam dunkel wurde, gab es auch die Erlaubnis Alkohol auszuschenken. Das gab der Stimmung natürlich nochmal einen gewissen Kick und auch die Kostüme fanden in integrierten Lichtern und Feuerwerkskörpern nochmal eine Steigerung.
    Der erste der zwei Umzugstage war der formellere, da der Umzug, quasi als Prozession, zu Ehren der Beschützerin Oruros, der „Virgen del Socavón“ stattfand. Der 15 km lange Weg endete auch in der Hauptkirche Oruros, in welcher sich die Tänzer nach getaner Arbeit müde und hungrig nochmal vor der Heiligen auf den Boden knien. Der Karneval in Oruro hat allgemein sehr interessante religiöse, geschichtliche und mythologische Hintergründe. Ein Tanz, die „Diablada“ stellt beispielsweise den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Engeln und Teufeln dar. Auch einige schwarze Sklavengruppen, entwürdigt von den spanischen Kolonialherren, befinden sich unter den Tänzern. Und natürlich dürfen in Bolivien (mit dessen ausgeprägter Inkakultur) auch keine indianischen Tanzgruppen fehlen. Am zweiten Tag tanzten alle Gruppen erneut und es wurde nochmal ausgelassener gefeiert, früher Alkohol verkauft und manch schwere Masken abgenommen.
    Alles in allem habe ich in diesen zwei Tagen wirklich unheimlich viel gesehen und erlebt. Wegen des vielen Schaums entwickelte mein Gesicht eine Allergie, mit der ich auch noch 2 Wochen später zu kämpfen hatte. Um auch wirklich alle Klischees des Karnevals in Oruro zu erfüllen, kann ich sogar noch erwähnen, dass mir auf der Tribüne irgendwie eine Tasche mit meiner Sonnenbrille und einem Pulli entwendet wurde. Aber ich bin wirklich sehr glücklich darüber die Entscheidung gefällt zu haben dorthin gegangen zu sein.
    Denn domit hob i die gstandene Fasnet mol auf ganz andre Weise kenneglernt.